Österreich: Anne Applebaum - Europa muss sich wehren

vonOTS
MAI 14, 2026

Foto: DIE ERSTE/APA-Fotoservice/Richard Tanzer

In der „Rede an Europa“, die seit 2019 rund um den Europatag vom Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM), der ERSTE Stiftung und den Wiener Festwochen abgehalten wird, sprach am 13. Mai die renommierte Historikerin und Autorin Anne Applebaum vor großem Publikum auf dem vollbesetzten Wiener Judenplatz.

Einmal mehr stand dabei die Reflexion über das europäische Projekt im Mittelpunkt. Applebaum erinnerte eingangs an die Katastrophe des zweiten Weltkriegs und würdigte Generationen von europäischen Bürgerinnen und Bürgern, die sich seit 1945 dafür eingesetzt haben, dass imperiale Rivalitäten, Protektionismus und Völkermordambitionen nicht wiederkehren. Dazu hätten sie eine Reihe von Institutionen errichtet: „Jenes Europa, das aus diesem Prozess hervorgegangen ist, stellt eine enorme Errungenschaft dar; eine, die weltweit ihresgleichen sucht“, so Applebaum.

Gleichzeitig mahnte sie, dass heute eben diese Institutionen und Errungenschaften infrage gestellt würden, zuallererst von den europäischen Gesellschaften selbst. Das zeige sich im Wiederaufleben demokratiemissachtender Ideen.

Verstärkt würden diese Tendenzen, so Applebaum, durch Kräfte außerhalb der EU. Sowohl Russland als auch Amerika würden ein geschwächtes und stärker fragmentiertes Europa anstreben, das militärisch angreifbar, korrumpierbar oder kontrollierbar sei. Dies zeige sich in den Angriffen Russlands – vom Krieg gegen die Ukraine, über hybrider Kriegsführung, Propaganda und Sabotage –, werde aber auch in der Politik der Trump-Regierung deutlich. Letztere sehe in Europa einen „zivilisatorischen Feind“ und unterstütze, auch aufgrund handfester wirtschaftlicher Interessen, gezielt illiberale Kräfte innerhalb Europas.

Angesichts dieser Herausforderungen stehe Europa vor einer Wahl, betonte Applebaum: Europa könne sich fügen und riskieren, seine Souveränität einzubüßen, oder sich auf seine Errungenschaften besinnen und seine Stärke als größte Wirtschaftsmacht der Welt ausspielen.

„Wir können uns zur Wehr setzten, nicht mit Worten, sondern durch Taten“, meinte Applebaum. Auf Errungenschaften der Vergangenheit aufzubauen ist hierfür ebenso bedeutsam wie eine Neukalibrierung europäischer Politiken. Voraussetzung ist ihr zufolge, dass Europa weiterhin an der liberalen Demokratie und ihren Institutionen festhält, denn: „Es ist gerade unsere Berechenbarkeit, die uns in einer Welt der unberechenbaren Mächte einen Vorteil verschafft“, betonte sie.

Milo Rau, Intendant der Wiener Festwochen, meinte in seinen einleitenden Worten: „Europa bedeutet, über Jahrhunderte hinweg: Nationalstaat, Kolonisation, Dominanz, Fortschritt um jeden Preis. Wenn wir Europa meinen, dann bedeutet das vor allem, zu diesem Europa nicht zurückzukehren. Mit dem Slogan der diesjährigen Festwochen: ‚Wir brauchen neue Göttinnen, neue Götter.‘"

Der Initiator der Rede, Boris Marte von der ERSTE Stiftung, erklärte: “Wir hoffen, dass Anne Applebaums Worte nicht nur in Österreich, sondern in ganz Europa Widerhall finden. Denn wir haben nichts zu verlieren. Wir haben alles zu gewinnen. Und wenn wir uns als Gemeinschaft darauf einigen, wird dies zweifellos die Stunde Europas sein.”

Quelle: OTS

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