vonOTS
SEPTEMBER 02, 2026
Foto: ACREDIA
KI treibt Strombedarf, Erneuerbare stärken Europas Unabhängigkeit
Der steigende Energiebedarf künstlicher Intelligenz (KI) könnte Europas Stromwirtschaft einen kräftigen Wachstumsschub bescheren. Vor allem der Ausbau leistungsstarker KI-Rechenzentren sorgt für eine neue, dauerhaft hohe Stromnachfrage und erhöht damit auch den Bedarf an erneuerbaren Energien. Für die Energiebranche entstehen neue Geschäftsmöglichkeiten – gleichzeitig sind hohe Investitionen in Netze, Speicher und digitale Infrastruktur notwendig. Das Umfeld bleibt jedoch herausfordernd: Schwankende Strompreise und geopolitische Konflikte sorgen weiterhin für Unsicherheit. Wind- und Solarenergie reduzieren zwar Europas Abhängigkeit von fossilen Energieimporten, bei zentralen Technologien der Energiewende bleibt Europa jedoch stark von China abhängig. Das zeigt der aktuelle Branchenreport „Energie & Solar“ von ACREDIA und Allianz Trade.
Je größer der Anteil von Wind- und Solarstrom wird, desto geringer wird Europas Abhängigkeit von importierten fossilen Energieträgern und deren Preisschwankungen.
„Wind- und Solarenergie sind inzwischen auch eine Frage der wirtschaftlichen Sicherheit Europas. Mehr heimische erneuerbare Energie bedeutet weniger Abhängigkeit von internationalen Krisen und den Preissprüngen bei fossilen Energieträgern“, so Michael Kolb, Vorstand von ACREDIA. „Die jüngsten Entwicklungen im Nahen Osten haben die Gaspreise wieder steigen lassen. Gleichzeitig waren die Auswirkungen auf den europäischen Strommarkt wesentlich geringer als während der Energiekrise 2022. Das zeigt, wie sehr der Ausbau der Erneuerbaren Europas Widerstandsfähigkeit bereits verbessert.“
Auch in Österreich spielen erneuerbare Energien bereits eine zentrale Rolle in der Stromversorgung. Im ersten Halbjahr 2026 kamen rund 45 Prozent der Stromerzeugung aus Wasserkraft, 13 Prozent aus Windkraft und geschätzte 17 Prozent aus Photovoltaik. Gleichzeitig stieg der Stromverbrauch gegenüber dem ersten Halbjahr 2025 um 3,4 Prozent.
Zusätzlichen Schub bringt der Aufbau einer europäischen KI-Infrastruktur. Rechenzentren für künstliche Intelligenz haben einen enormen Energiebedarf und benötigen rund um die Uhr eine stabile Stromversorgung. Für Energieversorger entstehen dadurch neue industrielle Grundlasten sowie Chancen durch langfristige Stromabnahmeverträge und zusätzliche Geschäfte rund um Netze und Speicher.
„Der KI-Boom ist gleichzeitig ein Energieboom. Für Versorger entsteht eine neue, langfristige Nachfrage mit erheblichen Wachstumsmöglichkeiten“, sagt Kolb. Auch Österreich investiert gezielt in seine KI-Infrastruktur. Mit der AI Factory Austria und dem geplanten KI-optimierten Supercomputer in Wien werden dafür wichtige Voraussetzungen geschaffen. Gleichzeitig zeigt die Bewerbung Wiens um eine europäische AI-Gigafactory, welches wirtschaftliche Potenzial in dieser Entwicklung steckt.
Bevor sich die zusätzliche Nachfrage in den Ergebnissen der Energieunternehmen niederschlägt, sind erhebliche Investitionen notwendig. Stromnetze, Speicherkapazitäten und digitale Infrastruktur müssen mit dem steigenden Bedarf Schritt halten. Höhere Finanzierungskosten erschweren diesen Ausbau zusätzlich.
Gleichzeitig zeigt sich eine Kehrseite des schnellen Solarausbaus: An besonders sonnenreichen Tagen steht zeitweise mehr Strom zur Verfügung, als verbraucht oder weitertransportiert werden kann. Die Folge sind sehr niedrige oder sogar negative Strompreise.
Auch Österreich bekommt diese zunehmende Volatilität zu spüren: 2025 wurden hierzulande 378 Stunden mit negativen Strompreisen registriert. Gleichzeitig gab es 233 Stunden mit Preisen von mehr als 150 Euro je Megawattstunde. Die starken Ausschläge verdeutlichen, wie wichtig der Ausbau von Netzen und Speicherkapazitäten wird. „Europa hat zunehmend nicht das Problem, zu wenig erneuerbaren Strom zu erzeugen, sondern ihn zum richtigen Zeitpunkt an den richtigen Ort zu bringen“, erläutert Kolb. „Solange Netze und Speicher nicht ausreichend ausgebaut sind, kann ein Teil dieser Energie wirtschaftlich nicht optimal genutzt werden. Damit geraten jene Erträge unter Druck, die für weitere Investitionen in die Energiewende notwendig wären.“
Trotz dieser Herausforderungen bleiben die langfristigen Perspektiven für Solarenergie sehr positiv. Nach Einschätzung von ACREDIA und Allianz Trade dürfte sich ihr Anteil am weltweiten Energieverbrauch bis 2050 nahezu vervierfachen und rund 30 Prozent erreichen. Neben der Energiewende treiben auch die zunehmende Elektrifizierung und der wachsende Energiebedarf von KI-Anwendungen die Nachfrage.
„Solarenergie wird in der weltweiten Energieversorgung deutlich an Bedeutung gewinnen. Elektrifizierung und KI sorgen dafür, dass der Strombedarf weiter wächst – und Solarenergie wird einen wesentlichen Teil dieser zusätzlichen Nachfrage abdecken müssen“, sagt Kolb.
Während erneuerbare Energien Europas Abhängigkeit von fossilen Energieimporten reduzieren, entsteht an anderer Stelle ein strategisches Risiko. Solarmodule, Batterien, Energiespeicher und zahlreiche wichtige Vorprodukte stammen weiterhin überwiegend aus chinesischer Produktion. Angesichts zunehmenden Protektionismus und geopolitischer Spannungen werden sichere und diversifizierte Lieferketten daher immer wichtiger.
„Europa darf bei der Energiewende nicht eine Abhängigkeit durch die nächste ersetzen“, meint Michael Kolb. „Der Ausbau erneuerbarer Kapazitäten und die Absicherung der dafür notwendigen Lieferketten gehören zusammen. Entscheidend wird sein, wie schnell Europa seine technologische Abhängigkeit reduziert und Engpässe bei kritischen Komponenten überwindet.“
Quelle: OTS